SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Breit Schmexit, Friedl

BREXIT-SCHMEXIT

Die in Berlin lebende und häufig in London arbeitende Singer/Songwriterin Friederike Merz macht sich Gedanken zum Populismus in zwei europäischen Hauptstädten.

//Friederike Merz

„Muslime sind notorische Integrationsverweigerer!“ So zu lesen auf einem der ohne Schnick-Schnack bedruckten Flyer, die heute früh meinen Weg zur S-Bahn pflastern. Ich traue meinen Augen kaum und obwohl 2017 leider gar nicht post-faktisch als Spitzenjahr für den Populismus verzeichnet werden muss und Trump und Brexit trotz etlicher „Experten“-Vorhersagen beschissene Realität sind, stehe ich mehr oder weniger fassungslos da – und schäme mich.
Dafür, dass das tatsächlich passiert und ich, trotz der Warnungen und Geschichten meiner Großeltern gefühlt völlig hilf- und teilnahmslos dastehe. Ich habe das Bedürfnis à la Joan Beaz mit Gitarre als Protestsängerin den Bahnhof niederzusingen und die angezogene Masse durch die Straßen zu führen. Das ist richtig, fühlt euch ALLE angesprochen! Ich sammle die Flyer ein, alle die ich finden kann, und hau sie in die Tonne. Ein kleiner Beitrag, aber immerhin.

Auch wenn die Kacke bei uns gewaltig am Dampfen ist, so ist sie in England bereits unwiderlegbare und langsam, aber sicher strukturverändernde Realität. Im Gespräch mit den Londoner Kollegen ist das Gefühl der Scham über die wachsende und nun von Staatswegen wieder salonfähige Ausländerfeindlichkeit, selbst über ein halbes Jahr nach „der Tragödie“, greifbar. Mit Ungewissheit und Veränderungen können Künstler und andere Freiberufler ja eigentlich ganz gut umgehen. Könnte man das doch nur den nicht wenigen aggressiv-reaktionären Landsleuten nahebringen …

Auch wer nicht gerade damit beschäftigt ist, im Stammbaum nach Wurzeln im europäischen bald-Ausland zu suchen bzw. eine Heiratsurkunde und somit dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu beschaffen, fragt sich: Wie geht es jetzt weiter? Das weiß ja leider keiner so genau, der Wahlausgang am 23.Juni 2016 wurde für so unwahrscheinlich gehalten, dass die Cameron-Regierung noch nicht mal einen Im-Falle-des-Falles-Plan ausgearbeitet hatte. Das wird nun in aller Eile nachgeholt und mit ziemlicher Sicherheit vom Parlament durchgewunken werden. Das Volk hat ja bereits gesprochen.

SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Breit Schmexit, Friedl
Foto: Wolf Kampmann

Wenn es eine Sache gibt, um die sich in diesem Plan wenig bis gar nicht geschert werden wird, dann ist es die Kunst und die Frage, wie man die nun wegfallenden Fördermöglichkeitendurch den Creative Europe Fund auffangen kann. Eine Tour zu finanzieren ist ohne Fördermittel ein Ding der Unmöglichkeit, das ist auch bei uns nicht anders. Wer nicht gerade für die Heimat politisch oder ökonomisch relevante Länder wie China oder Indien bereist, hat es schwer Geldgeber zu finden. In England ist das Buchen von Gigs noch einen Tacken kniffliger als hierzulande, da die Clubbesitzer für die teure Live-Musik-Lizenz zumeist die Musiker in Form vom Ticket-Abverkauf direkt zur Kasse bitten.

Durch die neue Situation wird zusätzlich das Bereisen und Bespielen anderer europäischer, gewinnbringenderer Länder durch erhöhte Transport- und Visakosten erschwert werden. Und wer zu Hause bleibt, hat’s nicht leichter. Das Geld für die Miete lässt sich nur durch kreative Arbeit aber ohne geldbringende Unterrichtstätigkeiten und sogenannte function gigs unmöglich erwirtschaften, und selbst mit diesen reicht es oft nur für ein kleines WG-Zimmer in den outskirts von London. Oder gleich bei Mama und Papa wohnen bleiben… wirklich super inspirierend. Was zusammen mit den steigenden Lebenskosten die Verlagerung des Wohnsitzes nahelegt.

Der britische Banker Sam Cookney hat sich ausgerechnet, dass er mit einer Wohnung in Barcelona und den günstigen Flugverbindungen unterm Strich günstiger rauskommt zwischen beiden Städten zu pendeln als direkt in London zu leben. Der Artikel erreichte so viel Aufmerksamkeit, dass Cookney sein Experiment in die Tat umgesetzt hat – die Rechnung ist aufgegangen, jeden Monat 387,00 € mehr Geld auf dem Konto. Auch für viele Musiker in Großbritannien ist Barcelona keine abwegige Alternative zu London, ebenso wie Berlin. Ist nur die Frage wie lange es bei den derzeitigen Entwicklungen mit Sophie Scholl als AfD-Postergirl noch als Eldorado der Realitätsverweigerer herhalten kann.

Die Frage bleibt, ob Kunst und Musik im Besonderen, deren Genres sich immer nur an bestimmte Zielgruppen richten, eine Antwort geben kann. Nein, kann sie nicht. Soll sie auch gar nicht. Im Gegenteil. Doch vor allem in Verbindung mit anderen Künsten und Medien kann sie einen Gegentrend zur Polarisierung setzen und statt einfacher Antworten interessante Fragen bieten, die in jedem das Interesse wecken, sie für sich selbst zu beantworten. Wenn das alles einen guten Nebeneffekt hat, dann den, das Künstler, besonders in der Verwöhntheit der hauptstädtischen Kunstszene endlich aus ihrer Echo-Kammer rauskommen und wieder den Dialog außerhalb der Kunstblase suchen.

In diesem Sinne – ich geh dann mal Flyer drucken…

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