SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Bitches and Devils

Bitches and Devils

Der Parental Advisory

Lieber Gott, bitte beschütze uns vor uns selbst. Und wenn du uns schon nicht beschützen kannst, dann lass uns selbst uns vor uns selbst beschützen. Ergibt das Sinn? Nicht im Ansatz! Trotzdem haben wir in Deutschland die „Freiwillige Selbstkontrolle“ eingerichtet – das Wort allein dürfte Walter Ulbricht und Erich Mielke vor Neid erblassen lassen – und in den USA haben sie den Parental Advisory.

//Fred Fronner

Die Geschichte des Parental Advisory reicht bis in die 1980er Jahre zurück. In der Popmusik war schon immer offen ausgesprochen worden, was man in der puritanischen amerikanischen Öffentlichkeit besser für sich behielt. Durch den HipHop erhielt diese Tendenz neuen Auftrieb. Gesellschaftliche Probleme wie auch individuelle Sehnsüchte und Erfahrungen wurden mit einer Unverblümtheit in Songs gemeißelt wie nie zuvor. 1985 trat Tipper Gore auf den Plan. Die moralbeflissene Ehefrau des damals noch völlig unbekannten Politikers und späteren US-Vizepräsidenten unter Bill Clinton, Al Gore, gründete das Parents Music Resource Center, das nun Rock-, Pop-, Metal-, Funk- und HipHop-Texte einer eingehenden Analyse unterzog und alles, was unter dem Verdacht stand, sexuell anstößig oder Gewalt verherrlichend oder sonst in irgendeiner Weise „explizit“ zu sein, mit einem Warnschild zu brandmarken.

Der Anlass zu diesem Akt der reinen Nächstenliebe war denkbar simpel. TipperSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Parental Advisory
Gore hatte ihrer ältesten Tochter das Prince-Album „Purple Rain“ geschenkt, und war entsetzt, als sie – leider als schon alles zu spät war – auf die Texte achtete. Erschwerend kam der unfassbare Vorfall hinzu, dass ihre gerade erst siebenjährige Tochter Kristin auf ihren unschuldigen Lippen Madonnas „Like A Virgin“ trällerte. Zu viel für eine verantwortungsvolle Seele mit Einfluss. Man war schließlich nicht 1620 mit letzter Not auf der Mayflower dem Sündenpfuhl Europa entkommen, um sich in Gottes eigenem Land von expliziten Texten den wohlerzogenen Nachwuchs versauen zu lassen. Es musste gehandelt werden.

In den USA ist der Einfluss von Lobbys und Interessenverbänden enorm stark. Noch im selben Jahr gab es eine Senatsanhörung zu dem Thema. Obwohl sich nicht nur Frank Zappa und Jello Biafra – seit jeher als Extremisten verschrien – gegen diese Zensur aussprachen, sondern auch ein Bilderbuchamerikaner wie John Denver entschieden dagegen eintrat, verpflichteten sich alle marktführenden Plattenfirmen, die in der RIAA (Recording Indutry Association of America) zusammengeschlossen waren, fortan alle fragwürdigen Tonträger mit dem sogenannten „Parental Advisory“ zu versehen. Freiwillig versteht sich. Große Supermarktketten wie der Walmart verpflichteten sich sogar, Alben mit diesem Sticker nicht zu verkaufen.

SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Parental AdvisoryLeider – oder zum Glück – ging der Schuss komplett nach hinten los. Nicht nur, dass es kein einziges Album gab, für dessen Verkäufe der Aufkleber nachteilig gewesen wäre, spätestens ab 1990 war er geradezu Pflicht. Ohne den Parental Advisory brauchte man sich auf dem Markt gar nicht blicken zu lassen, zumindest wenn man im Rap, Metal oder Indie-Rock einen Fuß auf den Boden bekommen wollte. Aber auch Tipper Gores Aktion selbst forderte viele Künstler zu erhöhter Kreativität heraus. Ice-T fantasierte in dem Song „KKK Bitch“ über Sex mit den 12-jährigen Nichten von Tipper Gore. Punk-Stinkstiefel Jello Biafra stieg auf Country Music um, um Tipper Gore eine zweifelhafte Freude zu machen, und Frank Zappa veröffentlichte seine Rede von besagter Senatsanhörung unter dem Titel „Porn Wars“ auf dem Album „Frank Zappa Meets The Mothers Of Prevention“. Zappa wurde übrigens auch die Ehre zuteil, dass sein Album „Jazz From Hell“ als einziges instrumentales Album überhaupt wegen seines „explicit content“ mit dem Aufkleber versehen wurde.

Parallel zum Parental Advisory wurde übrigens auch noch eine Liste der 15 bedenklichsten Songs veröffentlicht. Angeführt wurde sie von Prince’ „Darling Nikki“, aber auch Namen wie Madonna, Sheena Easton und sogar Cindy Lauper tauchen in der Liste der sogenannten „filthy fifteen“ auf. Erstaunlicher Weise ist kein einziger Rapper dabei.

Mittlerweile hat die Strahlkraft des Parental Advisory deutlich nachgelassen. Welche Eltern mit Verantwortungsgefühl würden auch noch was auf die Warnungen einer angeblichen moralischen Instanz geben, die sich nach 40 Jahren Ehe tatsächlich hat scheiden lassen? Wo kämen wir denn da hin? Jeder singt und textet wieder, was er will, und keinen interessiert’s. Nicht einmal mehr fünf Prozent aller amerikanischen Veröffentlichungen werden mit dem Sticker versehen. Warum auch, denn auf einem Stream oder Download kann man ihn schlecht anbringen. Magere Zeiten für Moral-Apostel.

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