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Berlin Berlin

Eine Zeitreise in BPM 

// Nele Janßen

Der Beat hämmert weiter, in den spärlich beleuchteten Fluren meines Kopfes steige ich die Treppen hinab in den Underground einer anderen Ära, in der das Wort Gentrifizierung noch unbekannt war. Kaum jemand weiß, dass die vereinte Berliner Techno-Szene sich nicht erst nach dem Mauerfall entwickelte – die Wiedervereinigung fand schon viel eher statt. Wie so oft war die Kunst der politischen Wirklichkeit ein gehöriges Stück voraus. Aber dazu später.

Techno ist ja schon lange kein Phänomen des Undergrounds mehr. Viele fühlen sich vom Nachtleben Berlins angezogen und reisen von überall auf der Welt an die Spree, um eine Nacht (oder ein Wochenende) in den heiligen Hallen des Techno-Mekka zu durchleben. Die deutsche Hauptstadt genießt hohes Ansehen innerhalb der Szene, die Auswahl ist groß, die Anzahl der Clubs und Veranstaltungen unzählbar. Neue Venues schießen aus dem Boden, andere schließen so schnell, wie sie eröffnet wurden. Der Tresor, das Club-Urgestein, Berlins erster Techno-Club, hält sich nach wie vor tapfer.

Dimitri Hegemann und Johnnie Stieler („Tekknozid“-Parties) fanden 1990 einen verlassenen Tresor in einer ehemaligen Bank am Leipziger Platz vor, im Ost-Teil Berlins und gründeten gemeinsam ein Pionierprojekt. Schwule, Lesben, Ex-Punks, Bänker, alle kamen zusammen und feierten gemeinsam von Freitag bis Sonntag in den Gewölben tief unter der Erde. Gemeinsam postulierten sie eine Vision der Freiheit, die kurz nach Mauerfall mit einer bis dahin ungekannten Euphorie in der gesamten Gesellschaft einherging.

Auch das Detroiter Label „Underground Resistance“, gegründet von Mike Banks und Jeff Mills, fand hier eine Heimat. Ursprünglich stammt Techno aus Detroit, einer ehemals wirtschaftlich prosperierenden Automobil-Industriestadt, deren brutale Rezession die ohnehin schon exzessive Kriminalität und soziale Verarmung ins Unermessliche steigerte. Die in großen Teilen schwarze Jugend nahm Techno als musikalische Reaktion auf Arbeitslosigkeit und sich verschlechternde Zukunftsperspektiven wahr. In Berlin fokussierten sich die Szenegestalter auf die Manifestation von Gemeinschaft und Beseitigung sozialer Isolation. In Detroit gab es keine Räume, keine Möglichkeiten für Szenewachstum – genau das konnte Berlin bieten.

Nach dem Mauerfall waren die gesetzlichen Grundlagen und die Autorität der Ostberliner Behörden ebenso zusammengebrochen wie die öffentliche Infrastruktur. Der marode Osten war ein Schlaraffenland für Kreative. Überall gab es leer stehende Gebäude. Das war der Nährboden für Grenzenlosigkeit und Anarchie – die Basis für Techno. Die Zeit der illegalen Raves brach an. Neben alten Mietwohnungen wurden auch Industrieanlagen und Fabriken erkundet, die Auswahl war enorm. Für eine Party brauchte es damals nur Musik, Stroboskoplicht und tanzende Menschen. Heute kaum vorstellbar, dass Berlin für kurze Zeit einer vogelfreien Zone glich – die Polizei war macht- und ratlos. Solange alles friedlich vonstatten ging, scherte man sich nicht ums Techno-Volk und ließ es tanzen.

Mit der unaufhaltsamen Kommerzialisierung wuchs die Szene langsam, aber stetig ins Unüberschaubare. Die Zeiten änderten sich. Techno kam aus seiner Nische und begann die Massen zu bewegen. Die erste große Loveparade ’91, eine Demonstration für die Freiheit, unter dem Motto: „Friede, Freude, Eierkuchen“ oder der umstrittene Techno-Remix „Somewhere Over The Rainbow“ von Marusha sind nur einige Beispiele für den Paradigmenwechsel.

Heute findet man Berliner Clubs im Reiseführer – ein obligatorischer Besuch gehört zum Nachtmarathon des Berlinbesuchers dazu. Manche Clubs genießen die Auswahlmöglichkeiten, die sich in der Schlange vor der Clubtür bietet. Besucher begehrter Clubs warten bis zu zwei Stunden – ohne Einlassgarantie. Die Türpolitik in Berlin ist speziell und ihrerseits schon ritualisiert. Manche schreckt sie ab, Andere fühlen sich motiviert, Stammgäste lassen sich nicht beirren – Berlin ist ja bekanntlich ein Dorf.

Es ergeht Berlin nicht anders als vergleichbaren Metropolen wie New York oder London. Auf die Szene folgt immer das Geld. Viele Clubs haben mit der Gentrifizierung und den hohen Mieten, aber auch mit einer immer etablierteren Anwohnerschaft zu kämpfen. Im Jahr 2005 musste der Tresor in die Köpenicker Straße, in Kreuzberg „umziehen“ und einem Bürogebäude weichen. Anderen Clubs wie dem Eimer am Rosenthaler Platz oder dem Knaack in der Greifswalder Straße ging es nicht besser. Das neue Zeitalter wird von Medien bestimmt – kommerzielle Veranstaltungen werden nur noch selten über Mundpropaganda beworben, Facebook ist das neue Kommunikationsmittel. Underground ist längst zum hippen Schlagwort verkommen. Auch wenn man „unter sich“ bleiben will – Werbung ist überlebenswichtig fürs Geschäft – die Konkurrenz ist zu groß in Berlin.

Ein Blick auf die Anfänge der elektronischen Partyszene Berlins versetzt indes so manchen in Melancholie. Die ersten bekannten Party-Reihen wurden 1988 von Dimitri Hegemann und Achim Kohlberger im Westberliner UFO veranstaltetet. Die Location befand sich im Kartoffelkeller eines Mietshauses mit einer Deckenhöhe von ca. zwei Metern und Platz für maximal 100 Personen. Damals spielten Resident-DJ’s wie Dr. Motte, später Gründer der Loveparade, noch Acid-House, eine Musikrichtung die sich ursprünglich nach 1977 in Chicago etabliert hatte.

Ab 1989 funktionierte das UFO als Treffpunkt – für Ost- und Westbürger. Dank Monika Dietls Radiosendung „The Big Beat“ war es bereits vor dem Mauerfall für Ostberliner möglich gewesen, sich über die Entwicklung der Szene sowie DJ’s, neue Veröffentlichungen und Partys zu informieren. Monika stellte eine Verbindung zwischen den Welten her. Radio wurde zum wichtigsten Medium der damaligen Zeit. Nicht umsonst spricht man von der „Radioflucht“.

Techno hatte zu jener Zeit eine ganz andere Bedeutung, eine Geschichte mit dramaturgischen Entwicklungsstadien, die viele Menschen prägte und antrieb. „Im Prinzip war es purer Zufall. Da entstand diese neue, raue, krasse Maschinenmusik, und dann fiel die Mauer“, so Felix Denk und Sven von Tühlen in „Der Klang der Familie“. Gemeinsam wurde ein neues Lebensgefühl kreiert und zelebriert.

Doch damals war damals, und heute ist heute. Ich liebe diese Musik noch immer. Manchmal frage ich mich jedoch, was die Szene heute noch zelebriert: Vielleicht das Hochgefühl, die Welt für einen Augenblick zu vergessen – in ein Paralleluniversum abzudriften und die Konsumgesellschaft hinter sich zu lassen? Konsum mit Konsum kompensieren? Das klingt paradox, irgendwie. Meine Suche nach einer Antwort und Lösung geht weiter.

 

Illustration: Patrizia Straubhaar