SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Car Seid Headrest

Ausweg ohne Umweg

CAR SEAT HEADREST

Im weltweiten Netz hatte er längst seinen Platz
besetzt, jetzt ist auch die Musikindustrie auf
ihn aufmerksam geworden. Car Seat Headrest gibt
uns den Glauben an einen unabhängigen Indie-Spirit wieder.

//Fred Fronner

Wo soll man anfangen, wenn man über den Amerikaner Will Toledo alias Car Seat Headrest erzählen will? Etwa bei seinem ersten regulären Album, das 2015 unter dem Titel „Teens Of Style“ auf den Markt kam? Das Wort „regulär“ deutet darauf hin, dass da wohl schon vorher etwas gewesen sein muss. Und richtig. „Teens Of Style“ war eine Compilation von Songs, die der junge Musiker bereits auf einem knappen Dutzend Alben verteilt hatte, welche ausschließlich via Bandcamp erhältlich waren. Es scheint, als hätte Will Toledo einen ganz eigenen Weg gefunden, auf sich aufmerksam zu machen. Mit „Teens Of Denial“ erscheint nun wirklich seine erste CD, die mit allem Drum und dran für eine große Plattenfirma aufgenommen wurde. Geschichten wie die von Car Seat Headrest kennen wir eigentlich nur aus der Vergangenheit, als Musiker und Bands wie R.E.M. oder Beck noch Kassetten an College Radio Stations schickten und auf langen Umwegen zu Superstars wurden. In unserer formatierten Welt scheint der Raum für kreative Geister immer enger zu werden. Will Toledo hat einen Ausweg ohne Umweg gefunden. Der charismatische Jüngling hat mit seinem Talent nie hinter den Berg gehalten. „Ich musste nur meinen persönlichen Weg finden, um es unter die Leute zu bringen“, erzählt uns der heute 23-Jährige. „Für künstlerische Entfaltung ist immer ausreichend Platz vorhanden. Es bedarf nur einer gewissen Kombination von Temperament und Einfallsreichtum, um sich Gehör zu verschaffen. Ich war von Anfang an von meinen Ideen überzeugt und musste mich ein wenig aus meiner gewohnten Umgebung zurückziehen, um diese Ideen auch umzusetzen. Ich habe viel Musik gehört, bis ich anfing, meine eigenen Sachen zu machen. Von der Mainstream-Kultur habe ich mich jedoch ferngehalten. Es wird immer Menschen geben,die eigene Wege beschreiten, und manchmal wird das eben belohnt.“

Um sich von der Gegenwart abzusetzen, hat sich Will Toledo bewusst an Künstlern der Vergangenheit orientiert. Dabei ging es weniger um stilistische Aspekte als um deren Weg in die Unabhängigkeit. „Ich wollte mehr oder weniger anonym so viel Musik wie möglich auf den Markt bringen und rausfinden, was funktioniert. Das war eine gute Schule. Es dauerte eine Weile, bis ich nicht mehr wie zum Beispiel Neutral Milk Hotel klang, sondern meine eigene Sprache fand. Doch ich entdeckte immer mehr Dinge, die nur ich selbst sagen konnte. Man kann sich seinen Einflüssen nicht widersetzen. Doch je länger man seine eigene Musik macht, desto schwieriger wird es, diese Einflüsse herauszuhören.“ Zumal Car Seat Headrest überhaupt keinen Regeln folgt. Er begann mit tief dröhnenden Lofi-Konstrukten und arbeitete sich immer weiter ins Licht vor. Noch immer montiert er seine Songs, wie es ihm in den Kram passt. Mal laut, mal leise, kann eine Nummer auch gern elf Minuten lang werden und aus drei unterschiedlichen Song-Ideen bestehen. Um Proportionen, Konventionen und Traditionen schert er sich einen Teufel. Seine Songs klingen auf erfrischende Weise direkt und ungelenk. Und wer glaubt, dass er im Konzert wiederholen würde, was er auf CD vorgegeben hat, wird schnell auf ganz neue Kombinationen einzelner Module stoßen. Bei Car Seat Headrest klingt alles wie eine Playlist, die ständig aktualisiert wird. „Es ist ja nicht so, dass ich wirklich auf Regeln pfeifen würde“, kontert Toledo. „Meine Regeln sind nur nicht typisch für das sogenannte Indie-Genre. Ich höre viele Hip- Hop-Platten. Da bedient man sich überall. Viel zu viele Leute haben schon die Beschränkungen des Radios im Kopf, wenn sie Musik machen. Sie glauben, sich an diese formalen Vorgaben zu halten, wäre gleichbedeutend mit Musikmachen. Ich will mich aber nicht limitieren lassen. Manche Ideen sind einfach zu groß, um in einen Song von drei Minuten zu passen. Warum sollte ich mich also darauf beschränken? Meine Songs setzen sich meist aus drei und mehr Grundideen zusammen, zwischen denen ich dann Brücken bauen muss.“

Kurz: Car Seat Headrest macht, was er will. Dieser Zugang macht seine Songs auch dann noch unberechenbar, wenn man sie längst zu kennen glaubt. Hof- fentlich wird er den Verlockungen des Big Business widerstehen und auch weiterhin ausreichend Mut zur Lücke an den Tag legen. Auch der Mainstream – und sei es der alternative – erneuert sich ständig und giert nach neuem Talent. Die Autositzkopfstütze aus Seattle käme genau im rechten Augenblick.

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