SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Laurie Anderson, Wolf Kampmann

Art Is Healing

Laurie Anderson am 19.9.2002 über Nine/Eleven

Als am 11. September 2001 die Twin Towers zum Einsturz gebracht wurden, erstarrte die New Yorker Musikszene. Zu den ersten, die nach den Attacken das Wort ergriffen, gehörte die avantgardistische Klanginstallateurin Laurie Anderson. Sie organisierte wenige Tage nach Nine/Eleven ein Konzert, um das Schweigen zu brechen und die Lähmung aufzulösen. Auch sie ließ zuerst nur die Musik sprechen und brauchte ein weiteres Jahr, um den Mitschnitt des Konzertes auf der CD „Live At Townhall September 19 – 20 2001“ zu veröffentlichen und im Zuge dieser Veröffentlichung darüber zu reden. Laurie Anderson war nachdenklich wie immer und suchte mit ihren Worten nach einer spontanen Poesie, die ihre Sicht auf die Dinge und ihre speziellen Erinnerungen und Beweggründe vorstellbar machten. Zwischen den Worten machte sie lange Pausen und verlieh jeder Aussage Bedeutung.

//Wolf Kampmann

WK: Diese Doppel-CD ist ein sehr berührendes Dokument. Die Atmosphäre unmittelbar nach dem Grauen wird praktisch greifbar.
LA: Wir haben nichts an diesem Mitschnitt verändert, außer der Balance. Normalerweise nimmt man Overdubs vor und schneidet andere Dinge aus. Ich bin sehr pingelig und will alles so perfekt wie möglich nach draußen lassen. Aber bei diesem Album war das unmöglich. Man hört Geräusche, die eigentlich stören, aber sie waren einfach Teil dieser Atmosphäre. Das Album soll diesen Tag repräsentieren.

WK: Das klingt mir ein wenig zu technisch. Es gab ja schon verschiedene Musiker, die sich mit ihren CDs zu Nine/Eleven positioniert haben, aber keine Studioproduktion kann diesen speziellen Magnetismus so greifbar machen wie dieser Live-Mitschnitt.
LA: Ich habe mir diese Aufnahmen nicht oft angehört, denn ich wollte ganz bewusst dieses technische Verhältnis zu diesem Mitschnitt vermeiden. Der Eindruck dieses speziellen Abends war einfach noch zu frisch. Urplötzlich verlor ich generell das Interesse an diesen perfekten Kontexten. Es liegt nicht zuletzt an den wundervollen Musiken, mit denen ich das Album eingespielt habe, dass ich Musik viel unmittelbarer spielen kann. Ich werde in Zukunft noch viel mehr mit Skulli Sverrisson, Jim Black und Peter Scherer machen.

SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Manhattan, 9/11
Foto: Wolf Kampmann

WK: Du bist ja eine Künstlerin, die sich auf jedes Konzert akribisch vorbereitet. Auf die Situation in der Town Hall hingegen konntest du dich nicht vorbereiten, oder?
LA: Natürlich wussten wir, was wir auf der Bühne tun wollten. Wir hatten aber
keinerlei Vorstellung, was wir damit auslösen würden. Wie viele Menschen mir zum Beispiel nach dem Konzert sagen würden, es wäre das erste Mal gewesen, dass sie seit dem Anschlag ihre Wohnungen verlassen hätten. Wir waren gerade in Chicago, als die Flugzeuge in New York und Washington einschlugen. Niemand wusste in diesem Augenblick, wie es weitergehen würde. Ob vielleicht noch Anschläge auf Paris, London und Berlin verübt würden. Gegen Mittag rief mich mein Promoter an und sagte, er könnte verstehen, wenn ich den Gig in New York absagen wollte, aber es hätten viele Menschen angerufen, die auf jeden Fall zu der Show kommen wollten. So erschienen viele Angehörige meiner Familie und alte Freunde in dem Konzert. Es war ein ganz merkwürdiger Abend. Niemand war sich sicher, ob er selbst oder sein Nachbar am nächsten Morgen noch auf dem Planeten weilen würde. Es gibt nicht allzu viele Augenblicke im Leben, in denen man so etwas fühlt. Man spürt plötzlich, dass man lebendig ist und nimmt viele Dinge wahr, die man sonst nicht hört oder sieht. Es war ein Augenblick gesteigerter Aufmerksamkeit.

WK: Ich habe den Eindruck, jedes einzelne deiner Wörter erlangte eine ganz andere Bedeutung als sonst.
LA: Ich war mir viel stärker als sonst bewusst, was ich sagte. Dabei war ich nicht einmal sehr sentimental, denn die Menschen die tot waren, hatten ja alles hinter sich. Ich kannte keinen von ihnen. Sie brauchten mein Mitleid nicht mehr. Ich machte mir viel mehr Gedanken um jene Menschen, die jetzt darüber nachdachten, was sie als nächstes tun sollten. In diesem Augenblick steckte so eine unglaublich große Möglichkeit, endlich einmal ausreichend über andere Menschen nachzudenken. Im Nachhinein finde ich es frustrierend und entmutigend, wie wenige Leute sich letztendlich ernsthaft Gedanken über Ursachen und Konsequenzen dieses Vorfalls gemacht haben. Es gab nie eine seriöse Diskussion über die Gründe, aus denen uns Menschen aus anderen Teilen der Welt so wenig mögen. Es hieß lediglich, die hassen uns unserer Freiheit und unseres Wohlstands wegen. Das erinnert mich an ein Mädchen aus der achten Klasse, welches erklärt, niemand mag mich, weil ich schön bin.

WK: Mit dieser Sicht auf die Dinge stehst du aber ziemlich allein.
LA: Wollen wir doch mal ehrlich sein. Wir vermuten lediglich, dass der Irak Massenvernichtungsmittel hat, aber die USA haben definitiv welche. Viel mehr Menschen auf der Welt fürchten sich doch vor einer Macht, die tatsächlich über solche Waffen verfügt, als vor einem Land, das sie möglicherweise hat. Vor allem sind wir Geschäftsleute, die niemals zögern, ihre Waffen an jeden beliebigen Käufer der Welt zu verscherbeln.

WK: Haben dich solche Gedanken auch bewegt, als du zehn Tage nach den Anschlägen vor dem New Yorker Publikum standst?
LA: In diesem Augenblick wusste niemand von uns, in welche Richtung es gehen würde. Immerhin gab es viele Menschen, die erstaunt ausriefen, dass mein Song „O Superman“ klingt, als wäre er über den derzeitigen Zustand der Welt geschrieben worden. Ich entgegnete ihnen schon damals, dass der Song sich mit dem Golfkrieg auseinandersetzt und wir uns doch immer noch im selben Krieg befinden. Es ist eine eskalierende Konfrontation zwischen zwei Welten, die im Moment nicht in Übereinstimmung zu bringen sind.

SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Wolf Kampmann, Lauriel Anderson, Rauch, Laterne
Foto: Wolf Kampmann

WK: Wie bist du an jenem Abend mit deiner Verantwortung als Künstlerin umgegangen? Denn du sprichst ja mit den New Yorkern, als wäre nichts passiert.
LA: Ich war in der Tat sehr entspannt. Es war ein ungeheuer schöner Tag. Der Herbst ist in New York stets atemberaubend. Die Stimmung war nicht weniger inspirierend als sonst. Ich lief durch die Straßen, betrachtete die Menschen und hatte das Gefühl, jeder von denen ist unschuldig. Normalerweise ist New York eine ziemlich raue Stadt, aber niemand von diesen New Yorkern wäre zu einer derartig schrecklichen Tat in der Lage gewesen und das gab mir eigentlich ein gutes Gefühl.

WK: Wenn man derzeit durch die Straßen von New York streift oder in einer Subway-Station auf die U-Bahn wartet, begegnet man öfter einem Poster mit dem Slogan „Art Is Healing“. Trifft dieser Ausspruch auch auf dein Konzert am 19. September 2001 zu?
LA: Wenn man so zu denken beginnt, ist die Kunst am Ende. Dann begibt sie sich zu weit aufs Terrain der Sozialarbeit und wird ein Opfer der Propaganda. Als Künstler hat man scharfe Werkzeuge, um Menschen in eine bestimmte Richtung zu führen, in die sie vielleicht gar nicht von sich aus gehen wollen. Wenn ich mich in einem Interview äußere, ist das etwas anderes, als wenn ich vor meinem Publikum in Aktion trete. Natürlich habe ich eine politische Überzeugung. Kunst steht jedoch in keiner Weise in der Pflicht, Menschen zu helfen. Es ist eine Idee des 19. Jahrhunderts, dass die Kunst uns eine bessere Welt eröffnen wird. Vielleicht vermag sie das sogar zu tun, aber es sollte niemals das Ziel des Künstlers sein, denn dann müsste er auch so weit gehen, für diese vermeintlich bessere Welt die Verantwortung zu übernehmen. Manchmal sind derartige Tendenzen unvermeidlich, denn je persönlicher man sich in seiner Kunst äußert, desto mehr Gedanken über Leben, Tod, Frieden, Krieg, Liebe fließen in das jeweilige Kunstwerk ein. Man kann ja nicht über das Nichts sprechen. Aber das Wort Heilung hat für mich einen sehr gefährlichen Unterton. Allerdings gebe ich zu, dass mir persönlich schon viele Kunstwerke geholfen haben. Kunst kann dich von Verzweiflung befreien. Ich selbst jedoch weiß überhaupt nicht, was anderen Menschen hilft. Ich kann nicht mehr wollen, als mich verständlich zu machen. Ich würde lieber sterben als mit der Haltung auf die Bühne gehen, ich wolle jemanden aufrichten.

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