SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Als wäre das Scheitern eine Frage des Schicksals

„Als wäre das Scheitern eine Frage des Schicksals“

Über die Kunst des schöpferischen Versagens

Nun sitze ich hier und soll über das Scheitern schreiben, obwohl ich lieber über Positives berichte und die Befürchtung habe, dass mir dieser Artikel vielleicht deshalb nicht gelingt. Allerdings ist mir bewusst, dass Positives auch immer mit dem Scheitern verbunden ist. So wie man Glück auch nur erkennt, wenn man unglücklich gewesen ist, Liebe nur schätzt, wenn man sie mal verloren hat. Man möchte schließlich in seinem Leben nicht immer nur dahin dümpeln, sondern auch Extreme kennenlernen. Nach langem Überlegen wird mir jedoch klar, dass sich das als durchaus schwierig erweist.

//Mariella Doblhofer

Scheitern ist ein relevantes Thema unserer Kultur. Nicht, dass wir darüber sprechen würden – nein – aber es ist auch hier allgegenwärtig. Scheitern sollte nichts Negatives sein, bedauerlicherweise ist es in Deutschland stigmatisiert und aus dem Kanon der kreativen Lebensmöglichkeiten verbannt. Hier bei uns im Lande ist es nicht so einfach, wieder auf die Beine zu kommen. Wer einmal durch alle Netze gefallen ist, dem vertrauen die Leute nicht mehr, denn man geht davon aus, es würde wieder passieren.

In dieser Leistungsgesellschaft ist das Letzte, was uns in unserem Leben passieren darf, beim Laufenlernen hinzufallen. Es ist ein psychologischer Fall über die Probleme einer Generation, die massiv unter Druck steht. Sie lebt in permanenter Angst vor dem Scheitern, auch Versagen genannt. Es ist wichtig, den heranwachsenden Generationen zu zeigen, dass man gerade aus Fehlern lernt, und junge Leute öfter auf die Nase fallen zu lassen, damit sie daraus lernen können und sich davon erholen. Sich vom Scheitern nicht zu erholen, ist Alltag in unserer Generation. Wie auch anders? Wir haben es nie gelernt. Uns wurde nie gezeigt, wie man wieder aufs Pferd steigt. Dabei ist Scheitern unumgänglich.

Es ist ein Thema, dessen Relevanz wohl er zu- als abnehmen sollte. Mittlerweile verstehen die Ersten, dass sich das Leben nicht abrupt ändert, nur weil man mal scheitert. Man kann es ruhig entspannter nehmen, denn Scheitern ist menschlich.

Es bleibt jedoch ein Leben ständig am Limit. Unsere Gesellschaft prägt schonSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, als wäre das Scheitern Kleinkinder mit Ehrgeiz. Eltern erzählen: „Der Oliver, der konnte schon mit 10 Monaten laufen, mit 12 Monaten ganze Sätze sprechen und mit zwei Jahren fehlerfrei das ABC aufsagen.“ Es scheint, dass schon da der Ansatz zum Ehrgeiz bzw. Scheitern gelegt wird. Was macht der Hans, wenn er erst, so wie es früher normal war mit 12, 13 oder 14 Monaten laufen konnte, oder sich nicht mit sechs Monaten vom Bauch auf den Rücken und vom Rücken auf den Bauch drehen konnte? Ist das den Eltern peinlich? Haben sie etwas falsch gemacht, dass ihr Kind schon hier scheitert?

Die Werbung zeigt uns tagtäglich, wie wichtig der Erfolg in unserem Leben ist. Mein Vater hat die Brücke gebaut. Mein Haus, mein Pool, mein Pferd. Die Diät schaffst du auch, denn nur wer gut aussieht, kommt weiter im Leben, alle anderen sind zum Scheitern verurteilt. Andere Kulturen sind uns in dieser Hinsicht einen erheblichen Schritt voraus. In Mexiko und Amerika hat man Vertrauen in Leute, die bereits gescheitert sind. In Amerika werden Fehler in Unternehmen sogar „gefeiert“, in dem man sie erzählt. Danach wird davon ausgegangen, dass bestimmte Fehler nicht noch einmal begangen werden.

Nach langem Ärgern und der anschließenden Analysen bleibt die Frage nach dem „Warum?“. „Was hat ihn dahin gebracht?“, „Wie ist er dahin gekommen?“, „Warum hat er letztendlich diesen Weg gewählt?“

Als wäre das Scheitern eine Frage des Schicksals“, so Wolf Kampmann, Journalist und Dozent einer Privathochschule in Berlin. Der Gedanke des Scheiterns lebt in jedem, doch jeder geht anders damit um. Der mittelalterliche Philosoph Anselm von Canterbury sagte einst sinngemäß: „Es gibt kein Gut und Böse, denn das Böse ist immer nur die Abwesenheit des Guten.“ Jeder scheitert einmal, ob im Privatleben, bei der Arbeit, an der Umsetzung einer Idee. Tagtäglich gründet sich ein neues Unternehmen, ein Start Up auf der Welt, und jedes ist sich über das Risiko des Scheiterns bewusst. Doch würden wir als Gesellschaft offen und ehrlich auch über die Misserfolgsgeschichten erzählen, so können wir aus unseren eigenen und den Fehlern anderer nur lernen.

Um dies zu ermöglichen, stellt die FuckUp Night Berlin monatlich eine Plattform zur Verfügung, um: „…Scheitern politisch, gesellschaftlich und persönlich zu entstigmatisieren“. Dazu berichten Sprecher aus aller Welt von ihren Malheurs, sowie kleinen und großen Desastern. Ob Pfarrer mit Burnout, Schauspielerin mit Realisierungsschwierigkeiten oder Start Up-Gründer mit Geldproblemen. Ganz getreu dem Motto: „Sometimes you win. Sometimes you learn.“

All diese Geschichten geben uns Mut scheitern, nicht mehr als schlecht, sondern als hilfreich anzusehen, aus Fehlern zu lernen, aufzustehen, wenn wir hingefallen sind. So auch der Journalist und Dozent Wolf Kampmann, der hinzufügt: „Scheitern ist eine essentielle Komponente des Lebens und wer die Angst vor dem Scheitern nicht kennt, weil er noch nie gescheitert ist, der wird niemals den Triumph des Erfolgs kennenlernen.“

In Deutschland wird ein besonderes Augenmerk auf Richtig und Falsch gelegt. Wir definieren „Scheitern“ als falsch, daher können wir es nicht akzeptieren. Um gegen diese Stigmata anzukämpfen und das Denken in Richtig- und Falsch-Schemata zu schmälern, wäre das gegenseitige Berichten unserer Erfolgsgeschichte, vor allem nicht dort aufzuhören, sondern auch von Misserfolgen zu erzählen, ein Schritt in die richtige Richtung.

„Nur wer das Scheitern in Kauf nimmt, wird irgendetwas ändern in der Welt. Insofern kann ich nur für eine Akzeptanz des Scheiterns plädieren.“ (Wolf Kampmann)

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